Sagen und Erzählungen
Der unterirdische Gang
Einst, als feindliche Heerscharen die Gegend durchstreiften und auch die Gefahr einer Belagerung bestand, ließ der Schlossherr einen langen unterirdischen Gang erbauen.
Er soll aus einem der drei übereinanderliegenden Keller bis in das fast eine Wegstunde entfernt liegende Schloss Linz geführt haben. Andere erzählen, dass er in das Vorwerk nach Liega führte, das etwa 2,5 km entfernt liegt. Heute sind die zwei untersten Keller verschüttet. Untersuchungen um etwa 1845 besagten, dass nichts darauf hindeute. Nach Liega sei das fast unmöglich, weil dorthin ein solcher Gang unter zwei Teichen hindurch oder auf großen Umwegen hätte führen müssen. Jedoch behaupten noch heute Liegaer Einwohner, im ehemaligen Liegaer Vorwerksgut oder in der Nähe gebe es Andeutungen für einen Ausgang des Ganges.
Auch von einem zugemauerten Eingang im Keller des Schlosses wird behauptet, er sei der Eingang zum unterirdischen Gang. Der Erzähler selbst forschte dort vor über 30 Jahren und fand nach etwa zwei Metern alles zugeschüttet. Kinder, denen er die Geschichte vom unterirdischen Gang erzählte, drangen dort unbeaufsichtigt ein und holten sich Beulen von herabfallendem Gestein. Daraufhin wurde der Gang zugemauert.
Fachleute sagen, falls es einen solchen Gang gegeben habe, dann könne er nur in Richtung der ehemaligen Fasanerie geführt haben.
Die nachtwandelnde Mutter und das eingemauerte Kind
Im altteiligen Schloss, besonders im großen Turm, spukte es. Zu gewissen Zeiten war nachts ein jämmerliches Kindergeschrei zu hören. Wenn es ertönte, wandelte immer eine schwarz verschleierte Frau umher.
Otto von Erdmannsdorf schrieb dazu: Der Turm war früher interessant durch seine eigenartige Bauart und die sieben hohen runden Feueressen, von denen vier wie in einem Nest zusammensaßen, sowie dadurch, dass zwischen den Umfassungsmauern und Zwischenwänden verschiedene sehr enge und schmale Treppen von einem Stockwerk zum anderen, ja sogar bis in die zweite verfallene und verschüttete dritte Kelleretage, führten. Wer in dieses Labyrinth von Treppen eingeweiht war, konnte zum Beispiel im ersten Stockwerk des Turmes verschwinden, ihn unterirdisch verlassen, den Zwischenbau und die Hälfte des altteiligen Schlosses passieren und im Esssaal des letzteren wieder ans Tageslicht kommen.
Zu einem geheimen Gewölbe zwischen dem ersten und dem zweiten Kellerstockwerk des Turmes konnte man über drei ganz verborgene Treppchen und über die offen zutage liegende Haupttreppe gelangen. Nachdem 1817 der Oberforstmeister Heinrich Ludwig von Erdmannsdorf das Gut übernommen hatte, wollte er den Turm, der wegen des Spukes von 1712 bis dahin leer gestanden hatte, wieder bewohnbar machen. Wiederholt wurde einerseits vor dem Spuk gewarnt, andererseits aber vom alten Gärtner dringend darum gebeten, einen Schatz zu heben, der im Turm in einer Wand der geheimen Treppchen verborgen liege. Wahrscheinlich sei deshalb die Sage von dem Spuk verbreitet worden.
Nach langem ungläubigem Lächeln entschloss sich von Erdmannsdorf endlich, dem Drängen des alten, treuen Dieners, dessen Vater und Großvater schon der Familie gedient hatten, nachzugeben. Er untersuchte durch Klopfen mit einem Hammer die gesamten Seitenwände sämtlicher verborgener Treppen. An einer Stelle klang es hohl.
Man brach die Mauer auf und entdeckte einen Hohlraum. Darin fand man ein Brett, auf dem ein Kindergerippe mit Eisen angeschmiedet war. Etliche Einwohner der Umgebung behaupteten fest, dass der Spuk existiert habe und erst aufgehört habe, nachdem die Gebeine des Kindes aus dem steinernen Grab erlöst und in der Erde begraben worden seien. Dadurch sei die nachtwandelnde Mutter zur Ruhe gekommen.
Wahrscheinlich handelte es sich um ein uneheliches Kind einer adligen Dame. Ein alter Einwohner erzählte damals, dass die kleine Sandsteinfigur rechts oben im Portal vom ehemaligen Rittergutsgelände zum Schlosshof ein Kind darstelle und die Sage symbolisiere.