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Geschichte » von Erdmannsdorff

Auszug aus der 1. Auflage (1986) der Geschichte des Geschlechtes von Erdmannsdorff von Carl Friedrich v. Erdmannsdorff

Unser Vorfahre, Carl Friedrich, der der letzte Ahne ist, der alle heut noch lebenden Erdmannsdorff auf der Welt verbindet, war vorwiegend Landwirt. Er wurde am 28. März 1739 als 6. Kind seiner Eltern, Johann Friedrich und Anna Sophia, geborene Gräfin von Hoym, geboren. Von seinen älteren Geschwistern waren zwei Brüder schon vor seiner Geburt gestorben, darunter der erste Sohn seiner Eltern, der den gleichen Vornamen wie er gehabt hatte. Am 9. November 1755 wurde Carl Friedrich an der Universität Wittenberg immatrikuliert, wo sein Vetter Friedrich Wilhelm, der später so berühmt wurde, schon seit einem Jahr studierte. Carl Friedrich erbte 1763, im Alter von 24 Jahren, das väterliche Rittergut Strauch nördlich von Großenhain. Die Huldigung fand am 19. Mai des gleichen Jahres statt. Die Landwirtschaft des Gutes war zu der Zeit an Joseph Hering verpachtet. Carl Friedrich scheint das Gut auch nicht selbst bewirtschaftet zu haben, obwohl er als Lehn-, Erb- und Gerichtsherr das Schloss lange bewohnt hat. Er heiratete am 21. Februar 1765 die ein Jahr jüngere Charlotte Sophie von der Sahla, die bereits nach drei Ehejahren starb, ohne ihm ein Kind geschenkt zu haben. Danach vermählte sich Carl Friedrich am 17. Februar 1769 mit der jüngeren Schwester, Erdmuthe Magdalena von der Sahla. Diese Ehe wurde mit 5 Kindern gesegnet, darunter vier Söhne. Seine Frau brachte Carl Friedrich die Rittergüter Zschorna und Schönfeld mit in die Ehe ein, die beide nicht weit von Strauch entfernt waren. Schönfeld war seit mehreren Generationen im Sahla'schen Besitz gewesen.

Die von der Sahla waren eine alte sächsische Familie und gehörten ebenfalls zum Meißner Uradel. Sie hatten Güter in Sachsen und der Oberlausitz. Die Familie wurde unter anderem dadurch bekannt, daß 1540 eine Margarethe von der Sahla vom Landgrafen Philipp dem Großmütigen mit Billigung seiner Ehefrau ebenso wie durch Martin Luther in einer Doppelehe kirchlich geheiratet wurde. Die Familie von der Sahla starb im 19. Jahrhundert aus. Das Rittergut Zsschorna hatte seit 1670 den Grafen von Beichlingen gehört und war über Erdmuthe Magdalenas Mutter, der Tochter des bekannten sächsischen Großkanzlers Wolf Dietrich Graf von Beichlingen, in die Familie gekommen. Der Großkanzler, ein Favorit und Geldbeschaffer August des Starken, war 1703 in Ungnade gefallen und sechs Jahre als Staatsgefangener auf der Festung Königstein in Haft gehalten worden. Danach hatte er bis zu seinem Tode noch sechzehn Jahre zurückgezogen auf Schloss Zschorna gelebt.

Bei der Hochzeit von Carl Friedrich mit Erdmuthe Magdalena hatte im Rahmen aller Festlichkeiten auch die Erbhuldigung aller Untertanen Zschorna und Schönfeld stattgefunden. Carl Friedrich bewirtschaftete diese Güter selbst, die einen beachtlichen Besitz darstellten, da zu Schönfeld noch die Dörfer Liega, Lötzschen, Thiendorf und Welxande gehörten und zu Zschorna das Kirchdorf Dobra. Seine Familie wohnte zunächst in Strauch, wo alle seine Kinder geboren sind, und siedelte erst später nach Schönfeld über. Carl Friedrich wurde , wie seine Väter, am 17. März 1768 mit dem Ehrenamt eines kurfürstlich sächsischen Kammerherrn betraut und ist dadurch sicher im Winter öfter am Hofe des Kurfürsten Friedrich August III. in Dresden gewesen. Damals ging es am Hofe verhältnismäßig einfach zu, weil Sachsen im Siebenjährigen Krieg hohe Kontributionen an Preußen zu zahlen gehabt hatte und obendrein von den durchziehenden Truppen Preußens, Österreichs und der Reichsarmee viel Schaden erlitten hatte. Der Wiederaufbau ging aber schnell und gut voran und die Landwirtschaft konnte bald die Kriegsschäden überwinden. Carl Friedrich hat allerdings die sehr baufälligen Wirtschaftsgebäude in Schönfeld weder durch neue ersetzen noch richtig restaurieren können. In den letzten Jahren seines Lebens soll Carl Friedrich sehr depressiv gewesen sein. Er starb schon im Alter von 38 Jahren am 12. September 1777 bei einer Blatternepidemie (Pocken), die auch noch seinen Bruder und zwei Schwestern seiner Frau hinwegraffte. Seine Witwe, Erdmuthe Magdalena, die die Blattern überstanden hatte, heiratete 1781 den ebenfalls verwitweten Grafen Günter von Bünau, Besitzer von Dahlen und Nöthnitz in Sachsen. Sie lebte mit Ihrem zweiten Ehemann in dem schönen Barockschloß Dahlen, bis dieser 1804 als kaiserlicher französischer Oberst a.D. starb und kehrte dann nach Schönfeld zurück, das ihr Sohn, Heinrich Ludwig, bewirtschaftete. Die letzten Jahre ihres Lebens Verbrachte sie in Dresden, wo sie am 7. September 1836 hochbetagt gestorben ist.

Die III. Linie - bis 1945 in Sachsen

Stammvater dieser noch blühenden Linie Heinrich Ludwig, der im Jahre 1776 wie seine Brüder in Strauch geboren war und mit diesen zusammen dann in Schönfeld aufgewachsen ist. Er hat später Auguste von Houwald geheiratet, mit der er elf Kinder hatte. Seine Nachkommen blieben, von wenigen Ausnahmen abgesehen, in Sachsen bis zum Umbruch nach dem 2. Weltkrieg 1945. Heinrich Ludwig und die seine Söhne waren die letzten Rittergutsbesitzer in der langen Reihe der Familie über acht Jahrhunderte. Er selbst und sein Sohn Heinrich Otto waren auch noch gewählte Vertreter der sächsischen Landstände und typische Repräsentanten ihres Standes. Mit dem Verkauf des letzten Ritterguts der Familie, Schönfeld bei Großenhain, im Jahre 1882 durch Heinrich Otto, wurden auch die Angehörigen der III. Linie zunächst zu einer Beamten- und Offiziersfamilie in Sachsen. Nach dem 2. Weltkrieg und der Flucht aus der sächsischen Heimat hat sich die soziale der Familie erneut verändert.

Von Heinrich Ludwig und seinen männlichen Nachkommen, die sich bis in unsere Tage fortgepflanzt haben, lassen sich noch kurze Biographien schreiben. Sie werden in den folgenden Kapiteln dargestellt. Deshalb sollen hier nur die Söhne und Enkel von ihm genannt werden, von denen es keine Erdmannsdorffschen Nachfahren mehr gibt. Von Heinrich Ludwigs elf Kindern waren nur vier Söhne. Als erster Sohn und viertes Kind wurde Ludwig Willibald am 13. Januar 1808 auf dem väterlichen Gut Zibelle in der Niederlausitz geboren. Nach seiner Ausbildung war Ludwig zunächst zwei Jahre Forstassistent in Grüllenburg beim Oberforstmeister von Gablenz. Im Jahre 1834 heiratete er dessen Tochter, Marie von Gablenz, und übernahm von seinem das Rittergut Zschorna in Pacht. Sieben Jahre später kaufte er von seinem Schwager, Eduard Freiherr von Finck, das Rittergut Linz, das ganz in der Nähe von Schönfeld lag, wo er viele Jahre seiner Jugend verlebt hatte. Dadurch ergab sich ein sehr enger und herzlicher Kontakt mit seinen jüngeren Brüdern, da Heinrich inzwischen von ihm Zschorna übernommen hatte und Otto Schönfeld bewirtschaftete. Leider hatten Ludwig und Marie keine Kinder. Sie nahmen deshalb, nach dem frühen Tod von Ludwigs älterer Schwester Adelaide, die mit Hans August von Wolffersdorf in Dresden verheiratet gewesen war, 1843 deren Sohn bei sich auf. Schon 1857 verkaufte Ludwig das Rittergut Linz wieder und zog nach Dresden, wo er 1874 gestorben ist.

Der zweite Sohn Heinrich Ludwig wurde am 18. August 1809 ebenfalls in Zibelle geboren und auf den Namen Benno Erdmann getauft. Er starb bereits mit acht Jahren.

Der dritte Sohn war unser Vorfahre, Heinrich Otto, geboren am 2. Juli 1815, der im nächsten Kapitel ausführlich beschrieben wird.

Der jüngste Sohn, Heinrich Ernst, war als neuntes Kind seiner Eltern am 22. Februar 1820 in Dresden geboren. Nach einigen Jahren Schulbesuch im Blochmannschen Institut in Dresden wurde er sächsischer Kadett. Als er sechzehn Jahre alt war, starb seine Mutter. Nach Abschluß des Kadettenkorps studierte er 1939/40 Philosophie an der Universität Greifswald in Pommern, einer angesehenen Universität, die schon 1456 gegründet worden war. Heinrich wohnte damals in dem Vorort Eldena. Er brach aber bald sein Studium ab und wurde Landwirt, wie seine Brüder. Zunächst bewirtschaftete er das Rittergut Zschorna, das er 1841 von seinem Bruder übernommen hatte. Im Jahre 1847 hatte sein Vater die Herrschaft Dratzig im damaligen Großherzogtum Posen gekauft und sie Heinrich zur Bewirtschaftung übergeben, der im Herrenhaus auf dem Gut Nothwendig seinen Wohnsitz nahm. Der große Besitz nördlich der Warthe bestand vorwiegend aus weiträumigen Wäldern. Der Absatz des Holzes war aber sehr schwierig, wie sich später herausstellte. Dazu kamen dann noch die politischen Unruhen im Jahre 1848, bei denen es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Polen und den Deutschen kam. Heinrich übernahm damals das Kommando über die 3.000 Deutschen dieses Gebietes und organisierte nach seinen im sächsischen Kadettenkorps erworbenen militärischen Kenntnissen erfolgreich einen Selbstschutz. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten führten schließlich dazu, daß Heinrich 1852, noch vor dem Tode seines Vaters, Dratzig wieder verkaufte und dafür das schöne Rittergut Moschen bei Oppeln in Schlesien erwarb. Heinrich hatte sich 1851 mit Karoline von Sprenger in Nalitsch Kreis Jauer verheiratet. Diese Ehe wurde mit zehn Kindern gesegnet, wovon sechs in Moschen geboren wurden. Auch von dort aus besuchte Heinrich mit seiner Familie oft seinen Bruder Otto in Schönfeld in Sachsen. Die Familie hielt sehr eng zusammen. Noch vor 1870 verkaufte Heinrich das Rittergut Moschen wieder und kaufte dafür die beiden Rittergüter Hermsdorf bei Görlitz und Leipa bei Rothenburg an der Neiße. Heinrich war zuletzt Landesältester der schlesischen oder lausitzischen Landstände und Rechtsritter des Johanniterordens. Er starb am 2. Juni 1874 in Görlitz im Alter von nur 54 Jahren. Seine Söhne hatten keine Kinder, so daß er heute keine Nachkommen mehr hat.

Heinrichs ältester Sohn, Heinrich Otto Ludwig Theodor, war am 6. Mai 1853 in Berlin geboren. Da der Vater durch seine Besitzungen in Schlesien preußischer Untertan geworden war, wurde der Sohn preußischer Offizier. Heinrich trat zunächst in Fürstenwalde in das 1. Brandenburgische Ulanen Regiment Nr. 3 ein, wurde dort Leutnant und wechselte später ins 1. Garde Feld Artillerie Regiment nach Berlin über, wo er bis 1880 stand. Dann wurde er, inzwischen Oberleutnant, zur Garde Landwehr Artillerie versetzt. Wahrscheinlich hatte er das väterliche Rittergut Hermsdorf Übernommen. Jedenfalls erscheint er nach 1883 nicht mehr in einer Rangliste der preußischen Armee und ist am 16. Juli 1889 im Alter von nur 36 Jahren in Hermsdorf unverheiratet gestorben.

Sein jüngerer Bruder, Ernst Walter Heinrich, war am 6. November 1859 auf dem väterlichen Rittergut Moschen geboren. Von Ernst ist nur noch bekannt, daß er Jurist wurde, zuletzt Amtsanwalt in Görlitz war, wo er kurz vor dem 1. Weltkrieg, ebenfalls unverheiratet, gestorben ist.

Der nächste Bruder, Walter Heinrich Oswald Gottlob, war am 22. September 1864 auch in Moschen geboren und wurde wie sein älterer Bruder preußischer Offizier. Walter trat in Lübben an der Spree in das dortige 1. Schlesische Dragoner Regiment von Bredow Nr. 4 ein, wurde in diesem Kavallerie Regiment 1888 Leutnant 1895 Oberleutnant. Im Jahre 1896 kam er als Kavallerieoffizier zur Landwehr in den Bezirk Jauer, aus dem seine Mutter stammte. Später wurde er zur Landgendarmerie in den Bezirk Gumbinnen nach Ostpreußen versetzt. Von 1904 an ist er als Hauptmann der Landgendarmerie in Liegnitz wieder in Schlesien. Er ist dort noch vor dem 1. Weltkrieg als Rittmeister pensioniert worden. Walther hatte 1899 Brigitte Freiin von Zedlitz und Neukirch geheiratet. Das Ehepaar hatte keine Kinder.- Auch Walther war als Ehrenritter im Johanniterorden. Er ist am 12. Dezember 1913 in Görlitz gestorben. Seine Witwe, die ihn noch lange überlebte, wurde Äbtissin des Freiherrlich von Zedlitzschen Damenstiftes in Kopsdorf Kreis Schweidnitz in Schlesien.

Der jüngste Bruder, Eberhard Heinrich Erdmann August, wurde zusammen mit seiner Zwillingsschwester Elisabeth am 25. Februar 1872 auf dem Rittergut Hermsdorf geboren. Als beide 2 Jahre alt waren, starb ihr Vater. Eberhard ist später wahrscheinlich sächsischer Kadett geworden, denn 1890 trat er schon als Portepeefähnrich in das sächsische 3. Infanterie Regiment Nr. 102 in Zittau in Sachsen ein und ist in diesem Regiment 1891 bereits im Alter von 19 Jahren zum Leutnant befördert worden. Als Oberleutnant war er ab 1899 für zwei Jahre in Marienberg in Sachsen Ausbildungs-Offizier an der Unteroffiziervorschule. Danach ging er schon im Jahre 1901 als Oberleutnant in Ruhestand. Er lebte dann in der Schweiz in Genf. Die Gründe für diese ungewöhnlichen Schritte sind nicht mehr bekannt. Eberhard hat aber als sächsischer Offizier wieder am 1. Weltkrieg teilgenommen und ist dabei noch zum Hauptmann befördert worden. Nach dem Kriege lebte er unverheiratet in Kötschenbroda in Sachsen mit seiner ältesten Schwester zusammen. Eberhard war zur katholischen Konfession übergetreten. Sein Todesdatum ist nicht zu ermitteln. Im Gothaischen Genealogischen Handbuch ist er leztmals im Jahre 1926 aufgeführt. Eberhard ist auf der Lithographie des "mittelalterlichen Turnierzuges zur 800-jährigen Jubelfeier des erlauchten Hauses Wettin" am 19. Juli 1889 als Knappe neben seinem Vetter Hans von Erdmannsdorff in Schönfeld festgehalten worden.

Kurzbiographien der III. Linie. Heinrich Ludwig 1776 - 1853

Heinrich Ludwig von Erdmannsdorff wurde am 19. Oktober 1776 auf dem väterlichen Rittergut Strauch geboren. Er war das 5. Und letzte Kind seiner Eltern. Sein Vater, Carl Friedrich, bewirtschaftete das Gut, das er seinerseits schon von seinem Vater geerbt hatte. Außerdem war er kurfürstlich sächsischer Kammerherr und deshalb vor allem im Winter oft in Dresden. Seine Mutter, Erdmuthe Magdalene geb. von der Sahla, hatte die Rittergüter Schönfeld und das angrenzende Zschorna in die Familie eingebracht. Beide Güter lagen ostwärts der Elbe bei Großenhain und nicht weit von Strauch entfernt. Alle 5 Kinder des Ehepaares waren in Strauch geboren, die Familie lebte dann aber in Schönfeld, an dem alle sehr gehangen haben.

Ein Jahr nach Heinrichs Geburt, am 17. September 1777, starb sein Vater, der sich bei einer Blatternepidemie in Schönfeld infiziert hatte. Mit ihm starben an dieser Epidemie dessen Bruder und zwei Schwestern der Mutter. Heinrichs Mutter überstand die Blattern und behielt nur schwache Narben davon zurück. Am 21. Juni 1781 heiratete sie in Strauch wieder. Ihr zweiter Ehemann, der ebenfalls verwitwete Graf Günther von Brünau, besaß die Rittergüter Dahlen und Nöthnitz in Sachsen. Schloss Dahlen war ein prachtvoll ausgestattetes Barockschloß und ein herrlicher Besitz. Aus dieser zweiten Ehe entsprossen zwei Töchter, also Stiefschwestern von Heinrich.

Heinrich erhielt zunächst Unterricht durch Hauslehrer, bis er auf das damals sehr angesehene Pädagogium nach Halle kam, wo er eine gute Bildung erhielt. Die Ferienaufenthalte bei seinem Stiefvater in Dahlen sagten ihm nicht sehr zu, und er verbrachte deshalb oft seine Ferien bei seinen Schulfreunden, den drei Brüdern von Houwald, auf dem Rittergut Straupitz im Spreewald in der Niederlausitz. Dort lernte er schon früh seine spätere Frau, Helene Auguste von Houwald, kennen und lieben.

Nach bestandenem Examen auf dem Pädagogium in Halle, wandte er sich der Forstlaufbahn zu. In Sachsen, das jahrhundertelang großenteils mit riesigen Wäldern bedeckt gewesen war, hatten die Jagd- und Forstwirtschaft von jeher ein besonderes Ansehen. Die Forstämter wurden vom Kurfürsten selber zur damaligen Zeit ausschließlich an adlige Forstbeamte vergeben, die dazu in der Regel auch noch sechzehn adlige Vorfahren nachweisen mußten.

Heinrich Ludwig war als Jagdjunker häufig im engsten Gefolge des Kurfürsten Friedrich August III. am Hof. Dabei ist es einmal zu einem Ehrenhandel mit anschließendem Duell zwischen ihm und einem Leutnant von Löffelholtz der Kürassiergarde gekommen. Heinrich hatte, wie alle dem Kurfürst folgenden Kavaliere, vor der Garde nicht seinen Hut gezogen, zumal die Jagdjunker im gleichen Rang wie ein Leutnant waren. Der Leutnant von Löffelholtz hatte dem jungen Jagdjunker daraufhin, beim Passieren der Kürassiergarde im Schloss, als letzten im Gefolge des Kurfürsten den Hut mit seinem Degen vom Kopf geschlagen. Darauf hin forderte Heinrich den Leutnant zum Duell mit Pistolen heraus. Der damals beim Hof schon einflußreiche, spätere Kabinettsminister, Graf Marcolini, verlangte aber, daß das Duell nicht mit Pistolen, sondern mit dem Säbel ausgefochten würde und daß der Kurfürst keine Kenntnis davon erhalten dürfe. Das Duell fand statt. Heinrich verwundete den Leutnant mit einem wuchtigen Hieb mitten auf den Kopf, dieser versetzte ihm aber trotzdem noch einen Nachhieb, mit dem er seine linke Backe spaltete, wovon Heinrich sein Leben lang eine tiefe lange Narbe behielt. Der Leutnant von Löffelholtz war einige Tage in Lebensgefahr und bekam obendrein später Festungsarrest, für die einem kurfürstlichem Jagdjunker angetane Beleidigung. Da der Kurfürst und spätere König, Friedrich August der Gerechte, noch bis 1827 regierte, mußte Heinrich Jahrzehnte darauf achten, seinem Landesherren nur die rechte Seite des Gesichtes zu zeigen, um einer Frage nach der Herkunft der Narbe und damit nach dem Duell auszuweichen. Der Kurfürst und König, der natürlich davon wußte und Heinrich sehr geschätzt hat, hat stets selber darauf Rücksicht genommen.

Heinrich hat damals als Jagd- und Kammerjunker das Leben am Hofe des Kurfürsten in Dresden wohl sehr genossen. Er stand in hoher Gunst beim Grafen Marcolini, der der engste Vertraute Friedrich Augusts war. Bereits im Herbst 1800 wurde Heinrich kurfürstlich sächsischen Oberforst- und Wildmeister in Sorau in der Niederlausitz ernannt, er war nicht älter als 24 Jahre. Gleichzeitig hatte er das Rittergut Zschorna von seiner übernommen.

Am 31. August 1802 heiratete Heinrich seine Jugendliebe, Helene Auguste von Houwalde, in Straupitz. Die stets glückliche, vierunddreißigjährige Ehe wurde mit elf Kindern gesegnet. Das letzte Kind wurde 7 Monate vor der Silberhochzeit des Paares geboren.

Zunächst wohnte das junge Ehepaar im großen Schloss in Sorau, in dem noch ein Beamter und einige kurfürstliche Kanzleien untergebracht waren, und mußte dort ein recht geselliges Leben führen. Die Jagd in Sorau war sehr beliebt und so kamen viele, auch hochgestellte, Jagdgäste. Um seiner bald größer werdenden Familie mehr ländliche Ruhe zu ermöglichen, kaufte Heinrich im Winter 1806/07 das Rittergut Zibelle bei Sorau, wo sieben seiner Kinder geboren wurden. Er bewirtschaftete von Sorau aus auch noch sein Rittergut Zschorna bei Großenhain und sah dabei oft auch in Schönfeld nach dem Rechten, wo seine Mutter ihren Witwensitz genommen hatte, die 1804 ihren zweiten Mann, den kaiserlich französischen Oberst Graf Günther von Bünau, verloren hatte.

Heinrich war ein tüchtiger Forst- und Landwirt geworden, der genau rechnen konnte. Sein Forstbezirk Sorau wurde deshalb, als einer der ersten in Sachsen, um 1808 nach den Prinzipien der Forstwirtschaft umstrukturiert, die der damals berühmte Oberforstrat Cotta aufgestellt hatte.

Die glücklichen Jahre in Sorau und Zibelle wurden durch die politischen Folgen des Wiener Kongresses von 1815 beendet. Nach der Wiener Kongreßakte vom Juni 1815 kam die Hälfte des Königreichs Sachsen, das Napoleon unterstützt hatte, an Preußen, dabei auch die Niederlausitz mit Sorau. Heinrich hätte seinen Forstbezirk durchaus behalten und preußischer Forstbeamter werden können, seine Anhänglichkeit an seine sächsische Heimat und seinen Landsherren ließen dies aber nicht zu. So gab er seine schöne Stellung auf und verkaufte 1817 auch sein Rittergut Zibelle in der nunmehr preußischen Niederlausitz. Im Königreich Sachsen konnte man ihm jedoch kein Forstamt bieten, da keines frei war. Er nahm deshalb zunächst das Angebot an, in den Rheinprovinzen, vor allem in der Eifel, die Forsten nach den neuen Prinzipien umstellen, wofür er von Cotta selbst besonders empfohlen worden war. Dieser Aufgabe widmete er sich mit großen Erfolgen zwei Jahre lang. Als er danach aufgefordert wurde, auch in der Provinz Posen die Forsten umstellen, lehnte er jedoch ab und zog sich im gleichen Jahr auf das Rittergut Schönfeld zurück, das er von seiner Mutter kaufte. Er hatte den Titel eines königlich preußischen Forstmeisters von Aachen erhalten, den er auch bis an sein Lebensende führte, obwohl er in Sachsen blieb und dem sächsischem Landtag als Vertreter der Ritterschaft angehörte. Heinrich bewirtschaftete nun Schönfeld und Zschorna selbst. Beide Güter umfaßten zusammen 4.000 sächsische Acker. Schönfeld setzte sich aus zwei ziemlich selbstständigen Betrieben zusammen, den Vorwerken Liega und Lötzschen, die beide aus verschiedenen Waldstücken, Feldern, Wiesen, Teichen und der sogenannten Heiden bestanden. Heinrich bekam deshalb auch noch zwei Lehnsbriefe für Schönfeld. Er faßte dann die beiden Teile zu einem Großbetrieb zusammen. Auch das verhältnismäßig große Schloss in Schönfeld bestand damals aus dem sogenannten altteiligen und neuteiligen Haus. In letzterem lebte zunächst noch seine verwitwete Mutter. Die Bewirtschaftung des Gutes erfolgte bis 1831 noch zu einem Teil durch Fronarbeit der Dorfbewohner. Dem Gutsbesitzer stand auch die Hütung aller Felder seiner Untertanen für seine etwa 3.000 Schafe umfassende Herde zu. Ebenso waren alle Dorfbewohner verpflichtet, nur das vom Gutsherrn gebraute Bier zu beziehen. So konnte recht rentabel gewirtschaftet werden. Das Amt des Patronsherrn der Kirche nahm Heinrich sehr ernst. Nach den Unruhen im Königreich Sachsen im Jahre 1830 und der Verabschiedung der ersten Verfassung des Landes 1831 wurden alle diese Privilegien aufgehoben.

Heinrich gehörte der Ständeversammlung als einer der zwölf auf Lebenszeit gewählten Abgeordneten der Landstände an. Er war mit seiner Frau, oft auch seinen Kindern, vor allem im Winter längere Zeit in Dresden und als königlicher Sächsischer Kammerherr auch am Hof. Er besuchte sehr gern die Oper, die damals in Dresden schon ein beachtliches Niveau hatte.

Nach und nach wurden die ersten Hochzeiten seiner älteren Kinder gefeiert. Tochter Marianne heiratete am 17. Dezember 1821 in Dresden achtzehnjährig den Dr. jur. Eduard Freiherrn von Finck, die Tochter Amalie am 27. Januar 1829, noch nicht ganz achtzehn Jahre alt, den August von Radmeritz und Oberkemnitz, und Ludwig am 25. November 1833 die Marie von Gablenz.

Heinrich stand auch mit seinen Geschwistern stets in enger Verbindung. Sein ältester Bruder, Friedrich August, der in preußischen Diensten stand, zuletzt als Regierungschef Präsident in Liegnitz, starb schon 1827 mit 55 Jahren. Sein zweiter Bruder lebte in Dresden als Geheimer Kriegsrat bis 1848 und kümmerte sich um Heinrichs Söhne, als diese dort im Internat waren. Er war mit Wilhelmine von Germar verheiratet. Sein dritter Bruder, Alexander Ferdinand, zuerst Oberforstminister in Wittenberg in der Niederlausitz, wie er selbst, hatte sich nach 1815 auf das Gut seiner zweiten Frau, Johanna von Wollkopf, nach Hohenahlsdorf zurückgezogen, wo er bis 1845 lebte. Er war in erster Ehe mit Louise von Erdmannsdorff, einer Tochter seines Onkels, des berühmten Klassizisten, verheiratet gewesen, die bald gestorben war. Heinrichs Schwester Erdmuthe war mit dem Grafen Christian von Wallwitz auf Schweikershain verheiratet, sie starb schon 1832.

Am 2. Juli 1836 starb Heinrichs geliebte Frau, Helene Auguste, im Alter von 52 Jahren nach falscher ärztlicher Behandlung bei einer Ruhrerkrankung, genau am 21. Geburtstag ihres Sohnes Heinrich Otto und hinterließ noch drei unmündige Kinder, die jüngste Tochter, Emma, erst neun Jahre alt.

Heinrich hatte schon 1834 sein Rittergut Zschorna an seinen Sohn Ludwig Willibald verpachtet und bewirtschaftete nach dem Tode seiner Frau für sechs Jahre nur noch Schönfeld. Er machte auch einige größere Reisen, wie er das immer gern getan hatte. So reiste er im August und September 1838 durch Frankreich, über Paris, Rouen und Le Havre. In Paris hatte er mit Interesse die Gemäldeausstellung im Louvre und die Oper besucht. Nachdem er 1842 das Rittergut Schönfeld an seinen Sohn Heinrich Otto verkauft hatte, machte er mit seinen drei unverheirateten Töchtern, Cora, Clara und der sechzehnjährigen Emma, eine einjährige Italienreise, um seinen Sohn Otto die Gelegenheit zu geben, sich in Schönfeld allein einzurichten. Er hielt sich im Winter in Neapel auf und verkehrte dort auch am Hofe des Königs. Im März und April war er in Rom, wo er mit Künstlern und den dortigen deutschen Aristrokraten zusammen war, wiederholt im Vatikan den Papst erlebte und natürlich viele Opernaufführungen besuchte. Anschließend traf er in Florenz mit seiner Nichte Therese zusammen, die dort als Gräfin Reina in morganatischer Ehe mit dem Prinzen Georg von Anhalt-Dessau lebte. Auf der Rückreise hielt sich Heinrich mit seinen Töchtern noch mehrere Tage jeweils in Venedig, Wien und Prag auf.

Nach seiner Rückkehr lebte Heinrich im Sommer in Schönfeld und im Winter in Dresden. Er genoß das Familienleben sehr und hatte mit seinen Söhnen, Otto auf Schönfeld, Ludwig auf Zschorna und Heinrich auf dem nahen Rittergut Linz, ein besonders herzliches und enges Verhältnis. Sie kamen fast jedes Wochenende zusammen. Im Jahre 1847 kaufte er noch die Herrschaft Dratzig im Großherzogtum Posen, die sein Sohn Heinrich dann übernahm. Wohnsitz war das dazu gehörende Gut Nothwendig. Schon 1848 mußte sein Sohn Heinrich diesen Besitz bei den Aufständen gegen anrückende Polen verteidigen. Viel Freude oder wirtschaftlichen Nutzen hatten beide ohnehin nicht an der Herrschaft, die vorwiegend aus Wäldern bestand, und deren Holzertrag nur schwer zu transportieren war. Bereits 1853 wurde die Herrschaft Dratzig deshalb wieder verkauft.

Die Revolution in Sachsen von 1848/49 brachte für Heinrich Ludwig Vermögensverluste, so daß er sich gezwungen sah, in Übereinstimmung mit seinen Söhnen, das Rittergut Zschorna zu verkaufen. Ab 1849 lebte er nur noch in Dresden, wo er am 16. Dezember 1853 im Alter von siebenundsiebzig Jahren gestorben ist.

Von Heinrich Ludwig gibt es noch heute das schöne Ahnenbild, das der Professor Carl Christian Vogel von Vogelstein (1788 - 1868) gemalt hat. Im Hintergrund des Gemäldes ist Schönfeld zu sehen. Von dem Bild gab es wohl einige Kopien, die zum Teil noch existieren. Das Düsseldorfer Kunstmuseum erwarb 1936 eine davon mit Mitteln aus dem Verkauf eines Gemäldes von Max Liebermann für 13.000 RM (Reichsmark), in der Annahme, das Porträt sei von dem bekannten Maler Ferdinand von Rayski gemalt worden. Das Gemälde befindet sich noch heute im Düsseldorfer Kunstmuseum, es wurde wiederholt bei Ausstellungen gezeigt und ist im Katalog von 1981 auf Seite 276 abgebildet und beschrieben. Von dem Gemälde wurde damals auch eine gute Lithographie hergestellt, die 1985 für die Familie vervielfältigt wurde.

Heinrich Otto 1815 - 1888

Heinrich Otto wurde am 2. Juli 1815 in Zibelle in der Niederlausitz als achtes Kind seiner Eltern, Heinrich Ludwig und Helene Auguste geb. von Houwald, geboren. Als er zwei Jahre alt war, zog seine Mutter mit den Kindern auf das Rittergut Zschorna, da sein Vater nach dem Wiener Kongreß seine Stellung als Oberforstmeister in dem nun preußisch gewordenen Sorau aufgegeben hatte. Als das Schloss in Schönfeld entsprechend hergerichtet worden war, ging die Familie dann dorthin. In einem Flügel des Schlosses lebte noch die verwitwete Großmutter, Erdmuthe Magdalena Gräfin von Bünau. Dort verlebte Otto sehr naturverbunden und glücklich seine Jugend in der großen Familie, nach und nach mit 10 Geschwistern. Schönfeld ist stets seine Heimat gewesen. Das Familienleben war sehr innig und auch die elf Kinder verstanden sich gut untereinander. Vom 6. Lebensjahr an erhielt Otto Hausunterricht, Im Winter 1821/22 zuerst in Dresden, wo sich die Familie oft und gern aufhielt, und danach in Schönfeld durch den dortigen Schullehrer in den Elementarkenntnissen und Klavierstunden. Seine ältere Schwester Cora unterrichtete ihn bereits frühzeitig in der französischen Sprache, die er später gut beherrschte. Otto war ein aufgeweckter Junge und machte schon erste Gedichte. Er beteiligte sich gern an den Jagden, anfangs als Treiber, und saß schon früh im Sattel. Die wechselnden Hauslehrer hatten wohl keine großen pädagogischen Fähigkeiten. Ab Ostern 1825 kam Otto nach Dresden auf das Blochmannsche Institut, ein Internat, in dem vor allem die Söhne des sächsischen Landadels erzogen wurden. Otto war dort mit seinem Bruder Heinrich und acht Erdmannsdorffschen Vettern ersten Grades zusammen. In den Ferien zu Hause in Schönfeld, gelegentlich auch in Straupitz bei den Vettern Houwald, jagte er mit Vorliebe. Er war ein guter Schwimmer und rettete in Dresden einem Mitschüler in der Elbe damit das Leben, was ihm viel Anerkennung eintrug. Im Blochmannschen Institut sang er mit seiner guten, kräftigen Stimme im Chor und zeitweise im Quartett.

Innerhalb des Lehrerkollegiums befand sich ein von Otto sehr geschätzter Pädagoge, der ehemaliger Burschenschafter war und sich als solcher damals politisch mißliebig gemacht hatte. Er wurde deshalb 1829 vom Internat verwiesen, wobei ihm seine Schüler, darunter besonders auch Otto, laute Ovationen brachten. Das führte zu Ärger mit der Schulleitung. Otto drängte nicht zuletzt deshalb vom Blochmannschen Institut weg ins Kadettenkorps in Dresden. Er bestand dort die Aufnahmeprüfung im Sommer 1830 recht gut, wurde aber wegen seines sehr freien, ungezwungenen Auftretens und des Verdachtes, mit der Revolution zu sympathisieren, sehr streng und hart angefaßt. Er ließ sich dadurch aber nicht klein kriegen und wurde ein recht fröhlicher Kadett, der keinen Streich ausließ. Nach und nach gelang es Otto, sich durchzusetzen und sogar das Ansehen seiner Vorgesetzten zu erwerben. Er schrieb gute, flüssige Aufsätze, sprach sehr gut französisch, war ein guter Reiter und Tänzer, so daß er schließlich sogar aus der Hand des sächsischen Königs Antons eine Prämie erhielt. Otto war sehr groß hatte offenbar Temperament, einen ausgeprägten Willen, Phantasie und viel Humor. Im Jahre 1835 bestand er das Offizierexamen und trat als Portepeejunker in das 2. Leichte Reiter Regiment “Prinz Johann” ein, das in Pegau bei Leipzig lag. Er wurde in diesem Reiterregiment 1836 zum Leutnant befördert und war ein frischer, fröhlicher Kavallerieoffizier. Von Pegau aus war Otto oft in Dresden, auch am königlichen Hof, zumal er inzwischen zum kgl. sächs. Kammerjunker ernannt worden war. Er hatte ein eigenes Pferd, wie alle Offiziere in der Kavallerie damals, und legte die Strecke von Pegau nach Dresden stets hoch zu Roß in scharfem Ritt, auch wenn es abends zum Ball ging. Sein Vater mußte dem armen Leutnant oft aushelfen.

Inzwischen hatte er Emma von Nostitz-Wallwitz kennen gelernt, deren Vater die Rittergüter Sohland, Schweikershain und Weigsdorf besaß, aber selbst in erster Linie Offizier war. Als Kommandeur der leichten Infanterie-Brigade hatte Nostitz bei der September-Revolution 1830 in Dresden auf die >Rebellen schießen lassen, die das Polizeigebäude demoliert hatten und gerade das Rathaus angriffen, dabei hatte es sieben oder acht Tote und einige Verwundete gegeben. Gustav von Nostitz-Wallwitz war 1839 Generalleutnant und Kriegsminister von Sachsen geworden. Als Otto im Frühjahr 1839 um die Hand seiner Tochter Emma angehalten hatte, äußerte dieser, Otto sei dafür noch reichlich jung. Otto erwiderte schlagfertig, das sei ein Fehler, der mit jedem Tag geringer würde. Schließlich willigte Nostitz ein, verlangte nur, daß Otto den Abschied von der Armee nähme, denn eine Leutnantsfrau solle seine Tochter nicht werden. Otto erfüllte diesen Wunsch, obwohl er sehr gern Kavallerieoffizier war, und begann eine Ausbildung zum Landwirt auf dem Klostergut Zella bei Nossen. Nach einem Jahr, am 1. Juni 1840, konnten Otto und Emma die Hochzeit in Schweikershain feiern. Otto war damals noch vierundzwanzig und seine Frau neunzehn Jahre alt. Sein Schwiegervater Nostitz übergab seiner Tochter nach der Trauung dem jungen Ehemann mit den Worten: “In anderen Familien wäre jetzt eine große Umarmung an der Reihe und daß ich ihnen sage, welchen Engel sie zur Frau bekämen. Ich sage ihnen nur, sie hat gehorchen gelernt:”

Das junge Paar zog zunächst auf das Rittergut Lautitz in der Oberlausitz, das Otto schon im Herbst 1839 erworben hatte. Dort machte er seine ersten Erfahrungen als Landwirt. Schon zwei Jahre später verlangte sein Vater, der inzwischen 66 Jahre alt geworden war, daß Otto das Rittergut Schönfeld übernehmen solle. Sehr ungern gab Otto sein hübsches Lautitz auf, wo er gute Erträge erwirtschaftet hatte, und übernahm Schönfeld nur, um es der Familie zu erhalten, die so sehr an diesem Gut hing. Schönfeld war schon damals ein “Plagegut”, wie er es nannte, weil alle Wirtschaftsgebäude sehr baufällig waren, ja einzustürzen drohten. Inzwischen war der Frondienst der Untertanen schon lange abgeschafft und die Bewirtschaftung des großen Betriebes recht aufwendig geworden.

Im Juni 1842 zog Otto mit seiner jungen Frau ins Schloss Schönfeld ein, in dessen neuen Teil sein Vater mit den jüngeren Geschwistern noch bis 1849 wohnen blieb. Zunächst unternahm sein Vater eine einjährige Italienreise, um Otto freie Hand zu lassen, sich in Schönfeld zu arrangieren. Der Anfang war nicht leicht, da der erste Sommer sehr trocken und die Ernte entsprechend schlecht war. Otto und Emma hatten bald einen netten geselligen Verkehr mit ihren Gutsnachbarn entwickelt. Der Montag war der “jour fixe” , an dem regelmäßig Gäste kamen, auch Offiziere der nahen Großenhainer Garnison. Oft wurde gemeinsam musiziert und Otto sang dabei, er hatte eine gute Tenorstimme. Er war als anregender Gastgeber sehr geschätzt, der mit viel Witz gut zu erzählen wußte. Besonders eng war der Kontakt auch zu seinen Geschwistern.

Im Jahre 1845 wurde Otto, erst dreißig Jahre alt, vom König als einer der zehn auf Lebenszeit ernannten Rittergutsbesitzer in die 1. Kammer des sächsischen Landtages berufen. Er besaß das Ansehen der Landstände ebenso wie das Vertrauen des Königs Friedrich August II. Seine Tätigkeit im sächsischen Landtag fiel in eine schwierige Zeit voller Unruhe und Gärungen, die auch nach der Mai-Revolution 1849 nicht zu Ruhe kam. Mit sozialem Verantwortungsgefühl und großer Aufgeschlossenheit, obendrein mit besonderer Rednergabe, beteiligte sich Otto an der Überleitung Sachsens vom Agrarstaat zum Industriestaat, dabei besonders am Aufbau des Eisenbahnnetzes und der Fürsorge für die Armen. Die erste sächsische Volksvertretung bestand aus zwei Kammern. Die 1. Kammer als Vertretung der Stände zählte damals 47 Mitglieder. In der 2. Kammer mit 75 Abgeordneten gab es bereits die ersten sozialistischen Radikalen. Eine neue Zeit zog herauf, die Privilegien der Rittergutsbesitzer wurden abgeschafft. Otto erntete im Landtag und draußen manche Kritik, er wurde sogar in Schmähblättern karikiert, denn er vertrat eine kontinuierliche Politik.

Der Wunsch des Ehepaares nach Kindern hatte sich erst spät erfüllt.

Im April 1845 wurde zum großen Kummer der Eltern die erste Tochter in Dresden tot geboren. Erst am 22. November 1846 konnten sie eine gesunde Tochter, Auguste, in die Arme nehmen. Am Neujahrstag 1852 wurde der erste Sohn, Heinrich, dann am 11. November 1853 der zweite Sohn, Gustav, als viertes Kind am 18. Oktober 1856 Margarethe und als fünftes und letztes Kind wieder ein Sohn, Hans, am 6. Mai 1858 geboren.

Das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern war stets sehr innig und herzlich. Otto kümmerte sich intensiv um die Erziehung seiner Kinder, soweit es seine sehr ausgefüllte Zeit und die vielen Ehrenämter zuließen. Es wurde mit den Kindern viel gesungen und Klavier gespielt. Die ganze Familie versammelte sich regelmäßig zu Hausandachten. Die heranwachsenden Söhne wurden schon früh mit zur Jagd genommen. Als der zweite Sohn, Gustav, am 3. Dezember 1869 nach dreitägiger Krankheit an Gehirnhautentzündung sechzehnjährig in Schönfeld starb, war die Trauer der Familie groß.

Die Bewirtschaftung von Schönfeld wurde immer schwieriger. Otto hatte einen Teil des Waldes schlagen lassen, um die Ackerfläche zu vergrößern, aber die hohen für Düngemittel, Lohn usw. verhinderten bessere Erträge. Auch sein Versuch mit einer Pferdezucht brachte eine höheren Einnahmen, ebensowenig eine neue Brennerei auf dem Hof. So verpachtete Otto, der durch sein politisches Amt sehr in der Landeshauptstadt angebunden war, schließlich die Landwirtschaft ganz. Seine Pflichten als Patronatsherr der Kirche in Schönfeld hat Otto weiterhin sehr ernst genommen. Die Verbindung zu dem jeweiligen Pastor, der stets von ihm persönlich in seine Stelle eingeführt wurde, war immer eng. Ende der 80er Jahre wurde Otto Vom König Johann zum Kammerherrn ernannt, wie seine Vorfahren. Da er immer öfter in Dresden zu tun hatte, nahm die Familie eine Wohnung auf der Zinsendorfstraße.

Am 1. Juni 1865 wurde die Silberhochzeit in Schönfeld unter großer Beteiligung der Gemeinde, der Gutsnachbarn und Verwandten mit einem abendlich Fackelzug und der Musikkapelle der Großenhainer Husaren gefeiert.

Der Krieg mit Preußen 1866 verschonte das Rittergut, forderte aber neue Opfer vom Königreich Sachsen. Otto war inzwischen in die Finanzdeputation der 1. Kammer des sächsischen Landtages gewählt worden. Er arbeitete eng mit Prinz Georg, dem späteren König, zusammen und kam auch mit dem so verehrten Kronprinzen Albert in nähere Verbindung.

Inzwischen war Otto noch Friedensrichter und auch Feuerkommissar geworden. Er war in der Diözesanversammlung tätig, kam 1871 in die erste Synode der evangelischen Landeskirche, wurde Präsident der lutherischen Heidenmission und Administrator des Fletscherschen Lehrerseminars. Die Ämter häufen sich, und es war gut, daß die Landwirtschaft von Schönfeld verpachtet gewesen war.

Auch in Schönfeld machte sich die neue Zeit bemerkbar. Etwa 1866 ließ sich ein junger Arzt nieder, der bald die Bevölkerung gegen die alte “obrigkeitliche Ordnung”, sowie gegen die Kirche und Religion aufwiegelte und auch einige Anhänger fand. Das Kommunistische Manifest hatte seit 1849 überall schon Verbreitung gefunden. Die Erdmannsdorff waren erleichtert, als dieser Arzt im Frühsommer 1871 die Ortschaft verließ. Emmas Bruder, Hermann von Nostitz-Wallwitz, war 1866 in Dresden Minister des Inneren geworden. Er hatte dieses Amt bis 1891 inne. So wurde die Politik immer mehr zum Thema in der Familie.

Im Kriege 1870/71 war Otto im September und Oktober bei den sächsischen Truppen im Felde, brachte Sanitätsmaterial und Liebesgaben nach Frankreich und transportierte Verwundete heim. Es waren beschwerliche Reisen von Dresden bis nach Sedan, fast eine Woche Fahrt mit der Eisenbahn, mit wiederholtem Umsteigen und Umladen der Kisten. Während der Belagerung von Paris brachte er in Vertretung des Hofmarschalls die Prinzessin Georg nach Laon zum Prinzen Georg, zu dem sich ein besonders herzliches Verhältnis entwickelt hatte. Auf dieser Reise gab es einen Eisenbahnunfall im Rheinland, allerdings ohne Personenschaden, der die Fahrt verzögerte.

Ottos älteste Tochter, Auguste, wurde am 25. April 1872 Hofdame der Prinzessin Georg in Dresden, der Mutter des letzten sächsischen Königs. Auguste war streng lutherisch erzogen worden, sie erbat sich deshalb von der Prinzessin, nie zu katholischen kirchlichen Diensten hinzugezogen zu werden. Bald hatte sie ein besonders enges, vertrauensvolles Verhältnis zum Prinzenpaar. Sie erlebte den späteren letzten König von Sachsen, Friedrich August III., als achtjähriges Kind in der Familie und hatte ihn stets sehr geschätzt. In diese Zeit fiel der Tod des alten Königs Johann und die Regierungsübernahme des so beliebten Königs Albert. Auguste erlebte das alles im Kreise der wettinischen Familie mit. Sie lernte ihren zukünftigen Ehemann am Hofe in Dresden kennen.

Otto und Emma konnten schon bald in Schönfeld die Hochzeit ihrer beiden Töchter feiern. Auguste heiratete am 13. April 1874 dort Hermann von Ehrenstein, den späteren Generalleutnant, und Margarethe am 1. Juni 1875 den späteren Kreishauptmann Georg Freiherrn von Welck. Die Eltern hatten zu ihren Schwiegersöhnen stets einen sehr herzlichen Kontakt und genossen es sehr, wenn später die Enkel in Schönfeld im “dicken Turm” über dem Herrenzimmer zu Besuch waren.

Am 29. April 1875 war in Dresden der konservative Verein im Königreich Sachsen gegründet worden. Otto war in den Vorstand dieser Vereinigung gewählt worden, die sich zum neuen Deutschen Reich bekannte und auf christlicher ethischer Grundlage stand. Der Verein wandte sich gegen eine Ideologisierung und einen zügellosen Liberalismus, dem Laisser-faire-Liberalismus der Gründerzeit des Industrialismus.

Wirtschaftlich wurde die Lage für Otto immer schwieriger. Schon für die Aussteuer seiner Töchter mußte der große Waldkomplex der Knieheide verkauft werden. Der Pferdestall und andere Wirtschaftsgebäude drohten einzufallen, Geld zur Reparatur war kaum zu beschaffen. Obendrein mußte dem Pächter der Landwirtschaft wiederholt Pachterlaß gewährt werden. Nach und nach wurden die letzten Pferde abgeschafft. Otto kränkelte und machte sich Sorgen um die Zukunft des geliebten “Plagegutes”. Er wollte diese Lasten seinen beiden Söhnen nicht aufbürden. Da Heinrich inzwischen nach abgeschlossenem Jurastudium Regierungsassessor und Hans in der Armee Leutnant geworden war, verkaufte Otto im Frühjahr 1882 sehr schweren Herzens sein Rittergut Schönfeld an Max von Burgk. Der Abschied, kurz nach Ostern, fiel der ganzen Familie bitter schwer. Am letzten Abend brachte die Gemeinde dem Ehepaar Erdmannsdorff einen Fackelzug dar und sang dann im Schlosshof den Choral “Ziehet in Frieden Euere Pfade”.

Otto ging mit seiner Frau nach Dresden, wo er zu seiner Freude am 8. Oktober 1887 noch die Doppelhochzeit seiner beiden Söhne mit den beiden Schwestern von Schönberg erlebte. Am 10. Mai 1888, dem Himmelfahrtstag, starb Otto im Alter von 73 Jahren. Er hatte die beginnenden gesellschaftlichen Veränderungen seiner Zeit und das Aufgehen Sachsens im größeren Deutschen Kaiserreich bewußt miterlebt und versucht mit zu gestalten. Otto hatte sich im besonderen Maße politisch und kirchlich engagiert, ohne davon einen persönlichen Vorteil zu erlangen. In der langen Reihe unserer direkten Vorfahren war er der letzte Rittergutsbesitzer. Seine Jugenderinnerungen “Mosaik aus meinem Leben” sind noch erhalten blieben.

Seine Frau lebte noch bis zum 16. Mai 1900 in Dresden. Sie starb, nachdem sie bei der Rückfahrt von einem Besuch bei ihrem Sohn Hans in der Pferdebahn einen Schlaganfall erlitten hatte, im Alter von 79 Jahren.